Konsensusempfehlung

Konsensusempfehlung zum Umgang mit Ergebnissen der Multigenanalyse

Das Deutsche Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs (GC-HBOC) hat für die Analyse von Risikogenen für das familiäre Mamma- und Ovarialkarzinom ein Multigen-Panel (TruRisk®) etabliert, das derzeit die Kerngene („core genes“) ATM, BRCA1, BRCA2, CDH1, CHEK2, NBN, PALB2, RAD51C, RAD51D und TP53 enthält, sowie weitere Gene, die aus aktuellen Forschungsarbeiten hervorgegangen sind und noch validiert werden müssen.

Ein interdisziplinäres Expertenteam des Konsortiums hat die verfügbaren Daten zur Risikomodifikation bei Vorliegen einer pathogenen (krankheitsverursachenden) Mutation in diesen Genen basierend auf einer strukturierten Literaturrecherche und im Rahmen eines formalen Konsensusprozesses bewertet. Auf dieser evidenzbasierten Grundlage werden die Ratsuchenden in den Zentren des Deutschen Konsortiums vom Erstgespräch vor Gentest bis zur Inanspruchnahme individueller risiko-adaptierter präventiver/therapeutischer Maßnahmen beraten und betreut.

Die Konsensusempfehlung zum Umgang mit Ergebnissen der Multigenanalyse (TruRisk® Genpanel) wurden in der Zeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde" des Thieme Verlags publiziert (DOI https://doi.org/10.1055/s-0043-108531; Geburtsh Frauenheilk 2017; 77; 1-7). Die nachfolgende Tabelle fasst die konsentierten Inhalte und die klinischen Empfehlungen zusammen. Diese sind als vorläufig zu betrachten und werden gegebenenfalls basierend auf Daten des Konsortiums aktualisiert. 

Tab. 1: Risikobewertung und daraus abgeleitete klinische Empfehlungen bei Vorliegen einer pathogenen Mutation
in den „Core“-Genen des TruRisk® Panels (Stand Mai 2017)

Gen ATM BRCA1 (FANCS) BRCA2 (FANCD1) CDH1
Risiko (MK, OK)
Lebenszeitrisiko (MK, OK)
MK:moderat,2-3 fach erhöht18-20
selten mutiert ca. 1%
MK18: > 20%
unter 40 Jahre < 10%
OK: n. b.
MK: hoch
MK2-4: 60-69%
OK2-4: 35-59%
MK: hoch
MK2-4: 50-74%
OK2-4: 11-17%
Magenkarz.-Fam.57 moderat-
hoch für MK, selten mutiert < 1%
MK: ca. 40%57, in reinen MK-
Familien n.b., vor allem lobulär /
ER positiv; OK: n.b.
Assoziierte Syndrome Ataxia Teleangiectasia
autosomal rezessiv
Fanconi-Anämie
autosomal rezessiv
Hereditäres diff. Magenkarz.
autosomal dominant
Intensivierte Früherkennung Mamma Ja Ja Ja Ja
Prophylaktische MTX derzeit nein Option ja Option ja Einzelfallentscheidunga
Prophylaktische AE derzeit nein Ja, ab 40 Jahre bzw. 5 Jahre
vor frühestem Erkrankungsalter
derzeit nein
Prädiktive Testung Ja Ja Ja Ja
Entlastung Nein, bei negativem Befund und
hohem statistischem Risiko
Ja Ja Ja
Spez. Therapiekonsequenzen ALARA–Prinzipb derzeit keine derzeit keine derzeit keine
Weitere prävent. Maßnahmen Nein Ja Ja Jac


Gen CHEK2 PALB2 (FANCN) RAD51C (FANCO) u. RAD51D TP53
Risiko (MK, OK)




Lebenszeitrisiko (MK, OK)
MK: moderat, 2-3 fach erhöht,
trunkierende Mutationen21,22,62,
c.1100delC22-24, mutiert ca. 3%,
MK: abhängig von familiärer
Belastung >25%22, Alter und
ER-Status für c.1100delC23;
OK: n.s.
MK: moderat-hoch,
OR 4-710-12
altersabhängiges Risiko9,
Geburtenkohorteneffekt9
MK: > 309
OK: n.b.9,13
MK41,42: n.s.
OK: moderat MK: n.b.
OK: ca. 10%41,42
LFS-/LFLS-Familiend, mutiert
bis 8% bei early
onset MK48-51,
bis 20% de novo Mutationsrate46,52
Krebs allg. >90%45-47 (w)
ca. 70%45-47 (m)
OK: n.b.
Assoziierte Syndrome Fanconi-Anämie17
autosomal rezessiv
Fanconi-Anämie RAD51C43
autosomal rezessiv
Li-Fraumeni Syndrom44
autosomal dominant
Intensivierte Früherkennung Mamma Ja Ja Ja Ja
Prophylaktische MTX Einzelfallentscheidunga Einzelfallentscheidunga derzeit nein Einzelfallentscheidunga
Prophylaktische AE derzeit nein derzeit nein Ja, nach der Menopause
bzw. 5 Jahre vor frühestem Erkrankungsalter
derzeit nein
Prädiktive Testung Ja Ja Ja Ja
Entlastung Nein, bei negativem Befund und hohem statistischem Risiko Ja Ja, bzgl. OK Ja, de novo Mutation prüfen
Spez. Therapiekonsequenzen derzeit keine derzeit keine derzeit keine Jae
Weitere prävent. Maßnahmen Nein Jac Nein Jac

MK: Mammakarzinom; OK: Ovarialkarzinom; ER: Östrogenrezeptor; MTX: Mastektomie; AE: Adnexektomie
n.b.: assoziierte Erkrankungsrisiken noch nicht hinreichend bekannt, n.s.: assoziierte Erkrankungsrisiken nicht signifikant;
OR: Odds Ratio; LFS / LFLS: Li-Fraumeni / Li-Fraumeni like Syndrome; w: weiblich; m: männlich
a Abwägung unter Berücksichtigung von Stammbaum und Geburtenkohorte
b sowie Streustrahlung der kontralateralen Mamma vermeiden
c im Rahmen von Studien unter Berücksichtigung der assoziierten Tumorentitäten
d MK ist häufigster Tumor bei Anlageträgerinnen48,49: bis 6-fach. Nicht ausreichende Penetranz in den jetzt rekrutierten Familien
e Erhöhtes Risiko für Zweitkarzinome im Strahlenfeld, daher Radiotherapie im Therapiekonzept des Mammakarzinoms vorsichtig abwägen.


Infobox zu Tab. 1: Auftreten assoziierter Tumoren bei Vorliegen einer pathogenen Mutation
in den „Core“-Genen des TruRisk® Panels (Stand Mai 2017)

Tumore ATM BRCA1 BRCA2 CDH1 CHEK2 PALB2 RAD51C RAD51D TP53
Pankreas
Lymphom
Leukämie
Mamma
Ovar
Magen
Prostata
Darm
Endometrium
Nebennniere
Knochen/Weichgewebe
Hirn

urheberrechtlich geschützt; Univ.-Prof. Dr. Rita Schmutzler (Zentrum Köln) für das Deutsche Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs